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Die neue Landnahme

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Die neue Landnahme

The new colonization


Erfassungsnr.: 20092478
Stand der Forschungsarbeit: keine Angabe
Laufzeit von: 2007/01
Laufzeit bis: 2011/12
Art der Forschung: Eigenprojekt
Kontakt:

Leiter (E-Mail: Klaus.Doerre@nulluni-jena.de)

Institutionen

Forschungseinrichtung:Institut für Soziologie Lehrstuhl für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie (Jena)
Auftraggeber:nein
Finanzierer: Forschungseinrichtung

Beteiligte Personen


Leitung:Prof. Dr. Klaus Dörre
Bearbeitung:Dr. Ulrich Brinkmann
Bearbeitung:Dr. Michael Behr
Bearbeitung:Dipl.-Pol. Hajo Holst
Bearbeitung:Dr. Bernd Röttger
Bearbeitung:Dr. Mario Candeias

Inhalt

Deutsch:

Das Theorieprojekt zielt darauf, verschiedene empirisch ausgerichete Forschungsstränge der Jenaer Forschergruppe theoretisch zu synthetisieren. Die Leithypothese des Vorhabens lautet, dass sich die kapitalistische Entwicklungsdynamik seit den 1970er Jahren als "neue Landnahme" deuten lässt. Der Begriff der Landnahme stammt ursprünglich von Rosa Luxemburg (1975/1913), die mit seiner Hilfe kapitalistische Entwicklung als Okkupation zuvor nichtkapitalistischer Territorien und Milieus analysierte. Luxemburg betrachtet die Möglichkeit einer inneren Landnahme als blockiert (kritisch: Harvey: 2005: 136) und leitete daraus einen nach außen gerichteten imperialistischen Expansionsdrang ab. Viele Jahrzehnte später hat Burkhard Lutz (1984) das Landnahme-Paradigma in einer kritischen Reaktualisierung der Luxemburgschen Argumentation dann als einen primär nach innen gerichteten Prozess des "Aufsaugens" eines industriell-ländlichen Arbeitsmarktdualismus beschrieben. Der zeitgenössische Finanzmarkt-Kapitalismus setzt nun eine Landnahme völlig anderen Typs in Gang. Die Ära des fordistischen Kapitalismus war nicht nur mit aufwendigen raumzeitlichen und technologischen "Fixierungen" (Harvey 2005), mit Investitionen in langfristige Projekte, Bildung, Forschung und Infrastruktur verbunden. Faktisch bedeutet diese raum-zeitliche Verschiebung von Rückflüssen in den Kapitalkreislauf auch, dass eine immer größere Menge an Reproduktions- und relationaler, auf die Gestaltung von sozialen Beziehungen gerichteter Arbeit (Bologna 2005) nötig wurde, um bezahlte Produktionsarbeit in Wert zu setzen. In der Folge bildeten sich gemischte Wirtschaften mit unterschiedlichen Sektoren heraus, in der die gewinnorientierten und öffentlichen Bereiche auf national unterschiedliche Weise mit einem Non-Profit-Sektor, der Hauswirtschaft sowie einer informellen, häufig illegalen Wirtschaft (Gubitzer 1999, 2006) kombiniert wurden.



Grundlegender theoretischer / methodischer Ansatz (Forschungsparadigma): Die neue Landnahme läuft nun darauf hinaus, finanzmarktkapitalistische Produktions- und Tauschnormen zu nutzen, um die raumzeitlichen, technologischen und politisch-infrastrukturellen "Fixierungen" der fordistischen Ära aufzulösen und sie durch eine finanz-kapitalistische "Fixierung" zu ersetzen. In den Außenbeziehungen nationaler Kapitalismen mündet das finanzkapitalistische Regime in eine Konkurrenz unterschiedlich ausgeprägter Regulationstypen, etwa zwischen kapitalmarktorientierten westlichen und stärker produktionszentrierten asiatischen Kapitalismen (Gabriel 2006). Nach innen zielt die neue Landnahme auf die Anpassung der gewinnorientierten Exportwirtschaft an das finanzmarktgetriebene Regime (Chesnais 2004, Lordon 2003). Das geschieht über kapitalmarktorientierte Formen der Unternehmenssteuerung (Höpner 2003), die Führung dezentraler Einheiten mittels Gewinnvorgaben und die Realisierung von Produktionsmodellen, die wegen knapper Zeit-, Personal- und Materialpuffer auf eine flexible Arbeitskraftnutzung angewiesen sind (Brinkmann/ Dörre 2005). Darüber hinaus beinhaltet die neue Landnahme aber auch eine Übertragung von Normen und Funktionsprinzipien des weltmarkt- und gewinnorientierten Bereichs auf alle anderen Sektoren. Wichtigste Hebel sind die Privatisierung von Staatsunternehmen, die Anwendung markzentrierter Managementprinzipien im öffentlichen und Non-Profit-Sektor sowie die Beschneidung von Sozialeigentum durch rekommodifizierende Arbeitsmarkt- und Sozialpolitiken. Das Vorhaben zielt auf einen historisch angelegten Theorievergleich verschiedener Formen kapitalistischer Landnahme. In einem ersten Schritt sollen grundlegende Arbeiten von Marx, Luxemburg, Arendt, Harvey u.a. vergleichend analysiert werden. Parallel dazu werden verschiedene Formen der "Marktgrenzenverschiebung" (Brinkmann 2003) analysiert, um Möglichkeiten einer politischen Steuerung von Landnahmeprozessen auszuloten.
Schlagwörter: historische Entwicklung, Finanzmarkt, Imperialismus, Kapitalismus, Arbeitskräfte, Arbeitsmarktpolitik, Produktionsverlagerung, informeller Sektor, Gewinn, Globalisierung, Kapitalverkehr, Kapitalverflechtung, Luxemburg, R., Weltmarkt, Marktwirtschaft, Marx, K., Regulationstheorie, öffentlicher Sektor, Privatisierung, Produktionsfaktor, Fordismus
Hauptklassifikation: 10201: Allgemeine Soziologie, Makrosoziologie, spezielle Theorien und "Schulen", Entwicklung und Geschichte der Soziologie
Klassifikation: 10204: Industrie- und Betriebssoziologie, Arbeitssoziologie, industrielle Beziehungen, 10505: internationale Beziehungen, Entwicklungspolitik
Methode: Grundlagenforschung, historisch, Theoriebildung

Datengewinnung

Veröffentlichungen

Berichte, Manuskripte, Arbeitspapiere

keine Angabe



Informationsquelle: GESIS, Forschungserhebung 2009/ Internet
Alte Erfassungsnr.: 20069969