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Aktuelle Entwicklungen in der sozialpädagogischen Familienhilfe. Eine Exploration sozialraumorientierter interkultureller Organisationsentwicklung, Handlungsansätze und Qualifizierungsbedarfe

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Aktuelle Entwicklungen in der sozialpädagogischen Familienhilfe. Eine Exploration sozialraumorientierter interkultureller Organisationsentwicklung, Handlungsansätze und Qualifizierungsbedarfe

Current developments in social work with families: an exploratory study of neighborhood-based, culturally sensitive approaches to organizational development, practice methodology and capacity building


Erfassungsnr.: 20160921
Stand der Forschungsarbeit: abgeschlossen
Laufzeit von: 2009/09
Laufzeit bis: 2010/05
Art der Forschung: Eigenprojekt
Status 1: f fertig
Status 2: 22 f-fertig, i-fertig
Kontakt:

Rieger, Judith (E-Mail: judith.rieger@nullkhsb-berlin.de)

Institutionen

Forschungseinrichtung:Professur für Sozialraumorientierte Soziale Arbeit (Berlin)
Auftraggeber:nein
Finanzierer: Forschungseinrichtung

Beteiligte Personen


Leitung:Prof. Dr. Gaby Straßburger
Bearbeitung:Judith Rieger

Inhalt

Deutsch:

Ziele:

Die Berliner Jugendhilfe ist seit 2003 geprägt von der flächendeckenden Einführung und Umsetzung der Sozialraumorientierung. Dies hat große Auswirkungen auf den Arbeitsbereich der ambulanten Hilfen zur Erziehung. Das Anliegen des Forschungsprojektes bestand darin, exemplarisch das Ausmaß und die Qualität des aktuellen Reformprozesses in der Sozialpädagogischen Familienhilfe (SpFh) mittels einer explorativen Studie zu erkunden und zu eruieren, wo derzeit die Potenziale und Grenzen für einen sozialraumorientierten Handlungsansatz liegen. Ein weiterer inhaltlicher Schwerpunkt bestand darin, die Umsetzung dieses Reformprozesses in einem interkulturell geprägten Sozialraum zu beobachten und Handlungsempfehlungen zu erarbeiten, um das Erreichte zu verstetigen und den fachlichen Ansatz der Sozialraumorientierung in der Praxis so weiterzuentwickeln, dass damit eine interkulturelle Öffnung der Sozialpädagogischen Familienhilfe einhergeht.

Ergebnisskizze:

In Berlin hat die Implementierung der Reform seit 2006 konkrete Formen angenommen. Die Tätigkeit der Jugendamtsmitarbeiter/-innen wurde räumlich dezentralisiert direkt in den entsprechenden Einzugsgebieten angesiedelt. Von Seiten der Fachkräfte wurden vielfältige Veränderungseffekte wahrgenommen. Geändert hat sich unter anderem die Kooperation zwischen Jugendamt und freien Trägern. Die Anzahl der jeweils in einem Sozialraum tätigen freien Träger im Bereich der SpFh hat sich verringert, der Großteil der Hilfen wird von nun von einem regionalen Trägerverbund abgedeckt. Die Neuorganisation und die Zusammenarbeit in neu geschaffenen Gremien wie Fallteams und Kiez-AG's bewirkt, dass die Kommunikationsdichte zwischen RSD und freien Trägern nun wesentlich höher ist, was das gegenseitige Verständnis für die Arbeitsbelastung und die Anliegen der Kolleg/-innen aus dem anderen Subkontext fördert. Die Zusammenarbeit wird durch die Einführung gemeinsam verwendeter Fachtermini transparenter und übersichtlicher. "Fälle" werden je nach inhaltlicher Ausrichtung und Bewertung dem Leistungs-, Grau- oder Gefährdungsbereich zugeordnet.

Die präzise Unterteilung in Richtungsziele, Handlungsziele und -schritte erleichtert die Klärung von Zuständigkeitsfragen und fördert eine Hilfeplanung, die zu verständlicheren und realistischeren Zielbeschreibungen führen kann. Die dazu benötigten Formulare und Protokollbögen wurden auf die neuen Vorgaben hin vereinheitlicht und modifiziert. Die fachliche Ausrichtung der Arbeit hat sich aus Sicht des RSD zumindest dem Anspruch nach dahin gehend verändert, dass nunmehr bei der Bedarfsklärung und Prozessgestaltung der einzelfallbezogenen Erziehungshilfen die Aufmerksamkeit vermehrt auf den Sozialraum und die Ressourcen der Familien ausgerichtet ist.

Eine Folge dieser fachlichen Umorientierung ist die verstärkte Anfrage des RSD an die freien Träger, niedrigschwellige Hilfsangebote im Kiez vorzuhalten. Hierfür kann das neu eingeführte Budget für fallunspezifische Arbeit genutzt werden. Alle Fachkräfte, die bei den öffentlichen und freien Trägern interviewt wurden, begrüßten die mit dem Reformprozess einhergehende Auffrischung des fachlichen Bewusstseins für bestimmte Fachprinzipien, wie z.B. die Ressourcenorientierung. Auch die Ausdifferenzierung der Hilfepalette (z.B. thematische Vielfalt in der Gruppenarbeit, Elterntreff bei Trägern der ambulanten Einzelfallhilfe, Verwandtschaftsrat, etc.) wurde durchweg gelobt. Von Seiten des Sozialpädagogischen Fortbildungsinstitutes für Berlin und Brandenburg, welches für die Schulung der Fachkräfte während der Einführung der SRO zuständig war, wird der bisherige Implementierungsprozess weitgehend positiv bewertet, was allerdings auch auf die bisweilen erfolgten Neueinstellungen zurückgeführt wird.

Als wichtiges Ziel und Anliegen für die nahe Zukunft wurde von vielen befragten Fachkräften die Verbesserung der Arbeit mit Familien mit Migrationshintergrund benannt. Anders als der Begriff Sozialraumorientierung schien der Begriff Interkulturelle Öffnung geradezu en vogue. Ein zentraler Baustein der Interkulturellen Öffnung ist die interkulturelle Teamentwicklung. Bei Personalentscheidungen findet dieser Aspekt zunehmend Berücksichtigung, wobei aktuell noch ein Mangel an fachlich qualifizierten männlichen Bewerbern konstatiert werden müsse. Die befragten Fachkräfte waren sich einig, dass Familien mit Migrationshintergrund im Bereich der Jugendhilfe einen Sonderstatus haben, obwohl sie quantitativ gesehen als Zielgruppe keine Seltenheit mehr darstellen.

Die spezifischen Barrieren lassen sich nach Einschätzung der Einzelfallhelfer/-innen in zwei Kategorien fassen:

  1. Allgemeine Skepsis gegenüber dem "deutschen" Hilfesystem: Familien mit Migrationshintergrund haben häufig die Sorge, sich über intime persönliche Themen sprachlich und kulturell nicht angemessen verständigen zu können. Auch befürchten sie, nicht individuell betrachtet zu werden, sondern "ethnisch einsortiert" und stigmatisiert zu werden. Aufgrund ihrer Erfahrungen mit deutschen Behörden zweifeln Migrant/-innen darüber hinaus oft schon im Vorfeld an der Empathiefähigkeit deutscher Fachkräfte.
  2. Hemmschwellen in der Arbeit mit dem Jugendamt und der SpFh: Viele Migrant/-innen haben nach Ansicht der Einzelfallhelfer/-innen Angst, dass aufenthalts- oder arbeitsrechtlich relevante Informationen weitergegeben werden und dass es eine ämterübergreifende Kooperation gibt, die ihnen letztlich schadet.

Zudem ziehen viele Familien - wenn sie überhaupt ein Angebot annehmen - die Angebote der Offenen Jugendhilfe vor. Denn diese sind leichter zu erreichen, es werden alltagsrelevante Themen aufgegriffen und die Angebotsstruktur ist weitgehend unverbindlich, so dass sie sich gut mit der familiären Alltagsrealität verbinden lassen. Andere Familien finden keinen Zugang zu geeigneten Formen der professionellen Unterstützung, weil sie das Jugendamt aus Angst oder Unkenntnis nicht aufsuchen. Sie können selten beurteilen, ob sie zur Zielgruppe für diese Hilfe gehören. Nur wenige können sich vorstellen, wie sie von einer SpFh profitieren könnten.

Bezüglich der Gesamtbeurteilung des Ablaufs des SRO-Reformprozesses wurden auch einige Kritikpunkte zur Sprache gebracht. Viele erfahrene Fachkräfte des RSD und der Freien Träger beklagten, dass der Implementierungsprozess im Top-down-Verfahren erfolgt sei, was den partizipatorischen Grundsätzen der Sozialraumorientierung fundamental zuwider laufe. Zudem wird darauf verwiesen, dass der fachliche Richtungswechsel mit der viel zu dünnen Personaldecke nicht gestemmt werden könne. Trotz der prinzipiell positiven Bewertung vieler Veränderungen, die die SRO-Reform gebracht hat, fiel im Lauf der Interviews und Beobachtungen immer wieder auf, wie negativ der Begriff Sozialraumorientierung teilweise bei den Fachkräften der Jugendhilfe belegt ist. Die bisweilen recht heftige Kritik gilt allerdings nicht dem fachlichen Ansatz, sondern den Rahmenbedingungen und der Vorgehensweise bei der Implementierung. Viele Fachkräfte fühlten sich bei der Reform zur SRO übergangen, ausgegrenzt, benachteiligt und einfach nicht ernst genommen. Obendrein vermuten sie, dass die SRO sich in Berlin nur deshalb politisch durchgesetzt hat, weil damit die Hoffnung einer Kosteneinsparung verknüpft war.

Aus fachlicher Sicht sei dies jedoch unsinnig, denn genau das Gegenteil sei der Fall. Neben der beschriebenen Kritik an der Vorgehensweise wurden auch fachliche Missverständnisse deutlich. Das komplexe Konzept der Sozialraumorientierung wird häufig wortwörtlich genommen und auf den Begriff Sozialraum reduziert. Viele Fachkräfte verknüpfen damit ausschließlich den Teilaspekt der räumlichen Dimension und verkennen damit den fachlichen Kern des Konzeptes. Denn Sozialraumorientierung beschreibt einen ganzheitlichen Arbeitsansatz, der darauf abzielt, innerhalb von sozialen Netzwerken soziale Missstände im Einzelfall und innerhalb der kommunalen Infrastruktur aufzudecken und gemeinsam an alltagsnahen Lösungen zu arbeiten. Die Themen und Ziele der Arbeit werden dabei im Wesentlichen von den Adressat/-innen bestimmt. Aufgrund der Exploration zeichnet sich ab, dass aus Sicht der Sozialen Arbeit noch erheblicher Bedarf an Praxisforschung besteht, bei der die Perspektive der Adressat/-innen als Ausgangspunkt lebensweltlicher Hilfekonzepte in den Fokus genommen wird

Der interne Abschlussbericht des Forschungsprojektes blieb unveröffentlicht. Die Ergebnisse wurden im Sinne einer nachhaltigen Praxisforschung direkt im Rahmen von Workshops an die beteiligten Praktiker/-innen zurückgespiegelt. Aus dem Forschungsprojekt heraus entstand des Weiteren das Thema für die Dissertation von Judith Rieger mit dem Arbeitstitel "Partizipation in der in der Kinder- und Jugendhilfe". Zudem erschien in 2013 ein Lehrbuch mit dem Titel: "Partizipation kompakt - für Studium, Lehre und Praxis sozialer Berufe". Es wurde von Prof. Dr. Gaby Straßburger und Judith Rieger herausgegeben und liefert Antworten auf ungeklärten Fragen aus der Explorationsphase dieses Forschungsprojektes.



Geographischer Raum: Berlin (Bundesrepublik Deutschland)
Grundlegender theoretischer / methodischer Ansatz (Forschungsparadigma): Die Untersuchung basierte auf einer Kombination von Teilnehmenden Beobachtungen, Leitfadeninterviews, Fachgesprächen und Dokumentenanalysen. Sie begann mit einer Hospitation in einem Jugendamt in Neukölln, um den Arbeitsalltag der Fachkräfte des Regionalen Sozialen Dienstes (RSD) intensiv zu beobachten und parallel Kontakt zu anderen Fachkräften des Arbeitsfeldes aufzunehmen. Die Hauptphase der Erhebung konzentrierte sich auf die Arbeit der Freien Träger. Es wurden 14 Interviews mit Praktiker/-innen geführt. Von jedem Träger dieses regionalen Verbundes wurde mindestens eine der Koordinator/-innen interviewt. Darüber hinaus erklärten sich sieben Einzelfallhelfer bereit, einen Einblick in ihre Arbeit zu geben. Dabei handelte es sich um vier weibliche und drei männliche Mitarbeiter/-innen mit Migrationshintergrund. Ergänzend fanden sechs Fachgespräche mit konzeptionell verantwortlichen Mitarbeiter/-innen der Öffentlichen und Freien Träger statt. Zusätzlich wurden sieben weitere Fachkräfte (z.B. Psycholog/-innen) interviewt, die im Rahmen der SpFh bisweilen eine wichtige Rolle spielen. Neben den Interviews und Fachgesprächen wurden die Teilnehmenden Beobachtungen bei Hilfeplankonferenzen weiter fortgesetzt. Insgesamt gaben elf Mütter und Väter das Einverständnis in verschiedenen Phasen des Hilfeprozesses anwesend zu sein und die Interaktion zwischen den Familien und den Mitarbeiter/-innen des RSD und/ oder der Freien Träger zu beobachten. In allen Fällen handelte es sich um Familien mit Migrationshintergrund. Zudem wurden Zwischenergebnisse der Analysen in zwei Werkstattgesprächen mit Leitungskräften aus dem Jugendamt und mit der Führungsebene eines Freien Trägers im Verbund diskutiert. Die Forschungsergebnisse wurden nach Abschluss der Studie in Form eines Workshops an die Fachkräfte rückgebunden.
Zeitraum: 2009-2010
Schlagwörter: Reform, Bedarf, Bundesrepublik Deutschland, Berlin, Qualifikation, Organisationsentwicklung, Familienhilfe, interkulturelle Faktoren, Sozialpädagogik, sozialer Raum
Hauptklassifikation: 20603: Sozialwesen, Sozialplanung, Sozialarbeit, Sozialpädagogik
Klassifikation: 11007: Familienpolitik, Jugendpolitik, Altenpolitik
Methode: Befragung, Beobachtung, Aktenanalyse, anwendungsorientiert, empirisch, Querschnitt, empirisch-qualitativ

Datengewinnung

 

Beobachtung - teilnehmend

Stichprobengröße:11
Erhebungseinheiten:Hilfeplankonferenzen mit Familien mit Migrationshintergrund
Auswahlverfahren:quotiert
 

Qualitatives Interview

Stichprobengröße:20
Erhebungseinheiten:Fachkräfte Jugendhilfe/ sozialpädagogische Familienhilfe
Auswahlverfahren:quotiert
Feldarbeit erfolgte durch: Mitarbeiter/-innen des Projekts
Untersuchungsdesign: Querschnitt

Veröffentlichungen

  • Rieger, Judith: Partizipation als Korrektiv der Sozialen Arbeit. in: Soziale Arbeit: Zeitschrift für soziale und sozialverwandte Gebiete, 2015, 9, S. 341-347.
  • Straßburger, Gaby; Rieger, Judith (Hrsg.): Partizipation kompakt – Für Studium, Lehre und Praxis sozialer Berufe. Weinheim und Basel 2014.

Berichte, Manuskripte, Arbeitspapiere

keine Angabe



Informationsquelle: GESIS, Forschungserhebung 2016/ SOFISwiki
Alte Erfassungsnr.: 20112288, 20152242